Der Zwerg in der Reklame des 19. Jahrhunderts


Der Zwerg als Darsteller der Produkt-Magie und des USP

Mit der Erfindung der Lithographie entwickelte sich eine neue Form der Angewandten Kunst. Die Werbung. Zwerge mussten für alles herhalten, was nur irgendwie illustriert werden konnte. Zwerge waren die Magie der Schuhwichse, die Kohlensäure im Brausepulver und natürlich der Geist im Schnaps. Der Hamburger Salon-Künstler Willy Allers berichtet über seine Lehrzeit als Lithograph in der angesagten "Reklamebude" meines Urgrossvaters Wilhelm Mühlmeister aus dem Jahr 1873: "Und dann hatten wir noch den ganzen Tag diese ewigen, langweiligen Gnome und Heinzelmännchen zu machen, die entweder mit der Leiter einen blank geputzten Stiefel erkletterten, eine Senfgurke transportierten oder sonst irgendwelchen Unfug inszenierten."

Auch ich wurde als Kind in den 1950er Jahren immer angehalten, zu jeder Gelegenheit Zwerge zu malen. Als Verkünder des Frühlingsanfangs, zu Besuch bei den Osterhasen etc.

 

Mein Urgrossvater Wilhelm Mühlmeister *1845 war der Künstlerische Direktor der bekannten Hamburger "Werbeagentur" Mühlmeister & Johler. Er hatte alle großen Reedereien Europas auf der Kundenliste und er hatte den Ruf des besten Lithografen in der Stadt. Unten ein Plakat aus den Anfängen seiner Firma zur Eröffnung der Holsten Brauerei 1880. 

 


Oben in der Mitte mein zechender Urgrossvater und unten ein paar Zwerge, die den Stoff loben und preisen. Auch ich habe als Designer gerne mal einen Zwerg in eine Umweltkampagne eingebaut oder In ein Biergartenplakat

Selbstverständlich gehörten Zwerge auf ein anständiges Plakat von 1880. Oben in der Mitte eine damalige Form des Selfies. Wilhelm Mühlmeister persönlich, als dionysischer Zecher und Zwerge sind seine Saufkumpanen.



Das erste Deutsche Markenzeichen war nach dem Hof-Zwerg Perkeo benannt. 

"Perkeo" für Lampen und Lampenteile wurde am 16. Oktober 1894 als erste Marke – unter der Registernummer 1 – beim damaligen Kaiserlichen Patentamt eingetragen; die Marke wurde seither – zuletzt 2014 – stets verlängert.

 

Perkeo war eigentlich Knopfmacher und er landete schon als Jugendlicher (1710) bei dem Pfalzgraf Karl Phillip in Heidelberg und hatte dort als Autodidakt die Stellung des Hofzwergs und des Hofnarrs. Von Perkeo ist überliefert, dass er täglich 15 doppelte Flaschen Rheinwein trank, unglaublich leutselig war und mit Sicherheit der trinkfesteste aller Heidelberger.

 

Unzählige Marken, von Sinalco über Dunlop-Reifen bis Liebigs Fleischextrakt hatten Zwerge in ihrem eingetragenen Markenzeichen. Es gab Gnomen-Brauereien, Restaurants zum Gnomen und Gnomengeschäfte aller Art. Das ganze 19. Jahrhundert lang dominierten Gnome die Bilderwelt des grafischen Gewerbes.

 

Der Zwerg als Darsteller des USP

Ob es er magische Glanz der Schuhwichse war oder die Besonderheit der Perlen des Champagners, mit Zwergen konnten man das alles illustrieren.  Der Zwerg war der Darsteller des Wunderbaren der jeweiligen Produkte. Der Zwerg war das "Unique Selling Proposition" (USP) oder auch "Unique Selling Point" genannt. Die Einzigartigkeit des Produkts konnte nur ein Zwerg verkünden oder darstellen.

 

Kartenzwerge der Postkarten Designer

Auch bei den Postkarten-Designern war Ende des 19. Jahrhunderts der Zwerg das Motiv 

Nr. 1. Es gibt unendlich viele Motive von Neujahrskarten, Oster- und Pfingstkarten, Glückwunschkarten und mehr, die mit Zwergen beseelt sind aus der Zeit um 1900. Maler wie Heinrich Schlitt hatten grossen Erfolg mit Zwergenbildern, als Leinwaldbild, als Illustration oder als Porzellanmalerei bei Villeroy & Boch.


Liebigs Fleischextract hatte zu Werbezwecken eine grosse Sammlung hochwertigster Lithographien als Sammelkarten